Mit einem BMI im gesunden Bereich gehen Routineuntersuchungen meist sorglos über die Bühne. Für Menschen, die medizinisch als übergewichtig oder fettleibig gelten, sind solche Termine jedoch oft mit Angst oder Besorgnis belastet. Der Grund: Gewichtsverzerrung.
"Gewichtsverzerrung ist im Gesundheitswesen leider weit verbreitet", erklärt Endokrinologe und Adipositas-Spezialist Dr. Marcio Griebeler. "Es handelt sich um negative Vorurteile, die sich auf das Aussehen oder das Körpergewicht einer Person beziehen."
Früher war es für manche Ärzte einfach, Gesundheitsprobleme direkt mit Übergewicht zu verknüpfen. Heute wissen wir: Es ist komplizierter. "Man sagte früher: 'Essen Sie weniger, treiben Sie mehr Sport.' Doch Adipositas folgt keiner Einheitsformel. Jeder Mensch ist einzigartig – personalisierte Medizin ist entscheidend, besonders beim Gewichtsmanagement", betont Dr. Griebeler aus seiner langjährigen Praxis.
Wie Gewichtsverzerrung Patienten schadet
Abwertende Kommentare oder unterschiedliche Behandlung mindern das Vertrauen in Behandlungspläne. Betroffene meiden Ärzte oft ganz. "Das ist fatal: Es schadet körperlich und psychisch. Patienten sprechen nicht über ihre Gesundheit, ignorieren Ratschläge oder suchen gar keinen Arzt auf. Wir müssen diese Haltung dringend ändern", warnt Dr. Griebeler.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Gewichtsverzerrung in der Primärversorgung zeigt: Viele Adipositas-Patienten fühlen sich nicht ernst genommen. Ärzte schreiben alle Probleme dem Gewicht zu, hören nicht zu – Betroffene zögern daher, Symptome anzusprechen.
Was tun, wenn Sie Vorurteile spüren?
Seien Sie Ihr eigener Fürsprecher, rät Dr. Griebeler. Sprechen Sie Missliebiges direkt an: "Wie bei jedem Service: Sagen Sie ruhig, was Sie stört. Erklären Sie Ihre Gefühle. Die meisten Ärzte reagieren verständnisvoll und verbessern sich. Unser Ziel ist immer, Ihnen optimal zu helfen."
Schweigen oder Arztvermeidung schadet langfristig nur Ihrer Gesundheit und dem Arzt-Patienten-Verhältnis.
Negative Erfahrungen verarbeiten
Schlechte Friseure oder Autowerkstätten halten Sie nicht vom Fahren oder Haareschneiden ab. Gilt auch fürs Gesundheitswesen: Priorisieren Sie Ihre Gesundheit! Lernen Sie aus Erfahrungen, starten Sie bei Neuen unvoreingenommen. Teilen Sie Ziele, setzen Sie Erwartungen.
Machen Sie realistische Ziele mit. Achten Sie auf den Kommunikationsstil: Zuhören und Empathie sind entscheidend. Passt es nicht? Suchen Sie weiter. "Finden Sie jemanden, bei dem Sie sich wohlfühlen. Verbindung ist Schlüssel für Teamarbeit – mit Empathie und ohne Überforderung", rät der Experte.
Sie sind nicht das Problem
Immer mehr Ärzte bearbeiten Adipositas ganzheitlich, ohne pauschale Gewichtszuschreibungen. "Wir haben spezialisierte Kollegen, die realistisch und nachhaltig vorgehen. Wechseln Sie bei Unbehagen – finden Sie Verständnis.", sagt Dr. Griebeler.
Der Kern: Fühlen Sie sich nicht schuldig für Vorurteile. Adipositas ist eine Erkrankung wie Hypertonie. Wir behandeln sie schrittweise, trotz Rückschläge. Stress, Schlafmangel, Mehrfachjobs erschweren Abnehmen – alles hängt zusammen. Gemeinsam mit Patienten entstehen effektive Pläne.